100 Jahr Jubiläum

1915 glaubte einzig Adolf Dätwyler an das Potenzial des hoch verschuldeten Draht- und Gummiwerks im Schweizer Bergkanton Uri. Mit Mut und Pioniergeist schuf er die Basis für eine unternehmerische Erfolgsgeschichte. Seine Söhne Peter und Max Dätwyler führten das wachsende Unternehmen ab 1958 mit viel Geschick weiter und expandierten ins Ausland. Heute ist die Dätwyler Gruppe ein globaler Industriezulieferer, der seinen Hauptsitz immer noch mitten in den Schweizer Alpen hat, aber inzwischen weltweit über 7500 Mitarbeitende beschäftigt.

 

Ein mutiger Start zahlt sich aus

1915 glaubt einzig der Aargauer Bauernsohn Adolf Dätwyler an das Potenzial der hoch verschuldeten Schweizerischen Draht- und Gummiwerke in Altdorf, im Schweizer Bergkanton Uri. Gegründet worden war das Unternehmen 1902 in Zürich von fünf dubiosen deutschen Kaufleuten. 1909 erfolgte die Sitzverlegung nach Altdorf.

Dort übernimmt Adolf Dätwyler 1915 die Leitung des kleinen Betriebs. Der junge Direktor hat Branchenerfahrung und ist tüchtig. Mit Mut und Pioniergeist saniert er das marode Unternehmen und schafft so mitten im Ersten Weltkrieg die Basis für eine unternehmerische Erfolgsgeschichte. Schon bald weist die Bilanz einen erfreulichen Nettogewinn aus. Im Juni 1917 kauft Adolf Dätwyler die Firma mit Hilfe einer Investorengruppe für 2.25 Millionen in bar – der mutige Schritt sollte sich schon bald bezahlt machen.

1920 befindet sich die Aktienmehrheit bei der Familie Dätwyler und ab 1946 trägt das Unternehmen auch den Namen seiner Besitzer: Es heisst von nun an Dätwyler AG.

Der wichtige Blick für das Menschliche

In Uri steht es zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht gut in Sachen Bildungs- und Verdienstmöglichkeiten. Die sich entwickelnde Industrie eröffnet neue Chancen.

Adolf Dätwyler erkennt dabei rasch, wie er einheimische Mitarbeitende nachhaltig unterstützen und ans Unternehmen binden kann: Schon 1918 errichtet er eine Betriebskrankenkasse, ab 1933 entstehen zahlreiche günstige Firmenwohnungen und ab 1944 gibt es bei der eigenen Werkschule interessante Weiterbildungsangebote. 1948 – über 30 Jahre vor der gesetzlichen Pflicht – hat die Dätwyler AG bereits eine Pensionskasse.

Soziale Verantwortung übernehmen Adolf Dätwyler und seine Gattin Selina auch über den eigentlichen Fabrikalltag hinaus. Ihr Beitrag an die Wasser- und Abwasserversorgung oder die Eröffnung eines Hallenbads und eines Tennisplatzes dienen der Öffentlichkeit. Bereits 1965 wird die wohltätige Adolf und Selina Dätwyler-Gamma Stiftung gegründet, die inzwischen in der heutigen Dätwyler Stiftung integriert ist.

Marktchancen rechtzeitig nutzen

Die junge Automobilbranche weckt den Ehrgeiz des passionierten Autofahrers Adolf Dätwyler. 1935 trotzt er der Krisenstimmung und unterzeichnet einen Lizenzvertrag mit dem US-Konzern Firestone. In Pratteln bei Basel eröffnet er die Fabrik zur Herstellung von Autoreifen – sehr zum Missfallen der Konkurrenz. Rund 30 Jahre trägt das Werk in Pratteln erfolgreich zum Gesamtergebnis bei, bevor es mit Gewinn an den amerikanischen Mutterkonzern zurückverkauft wird.

Firestone ist für Dätwyler eine Initialzündung. In Pratteln werden fortan hoch qualifizierte Mitarbeiter für das Stammwerk in Uri rekrutiert oder weitergebildet.

Die Erfahrungen mit Firestone ermutigen Adolf Dätwyler zu weiteren Übernahmen in verwandten Branchen: 1947 beteiligt er sich an der Stahlrohr AG Rothrist, in deren Rohre elektrische Leitungen eingezogen werden. 1949 erfolgt die Übernahme der Gummi Maag und damit der Einstieg in den technischen Handel. Dieser ist heute im Dätwyler Konzernbereich Technical Components organisiert.

Zeichen der Zeit erkennen

Der Zweite Weltkrieg bringt einschneidende Rohstoff-Engpässe mit sich. Dätwyler hat sich jedoch frühzeitig auf die Verknappung von Rohkautschuk eingestellt: Ab 1940 läuft in Altdorf die grösste Altgummi-Regenerieranlage der Schweiz auf Hochtouren.

Gleichzeitig beginnt die «Guumi» – so nennen die Urner ihren wichtigsten Industriekonzern – mit der Produktion von Fahrradreifen. Unter der Marke Bullcord werden sie zum Verkaufsschlager.

Weitere Innovationen aus den Kriegsjahren zeugen davon, wie Dätwyler die Zeichen der Zeit erkennt und selbst unter widrigen Umständen Erfolgsgeschichten schreibt: Der Kabelbereich entwickelt 1945 das weltweit erste kunststoffisolierte Hochspannungskabel. Und die eigens lancierten Bodenbeläge aus Plastokork basieren auf einer fortschrittlichen Kunststofftechnologie.

Das Unternehmen erfindet sich neu

Ab Mitte der 1950er-Jahre steht mit Peter und Max Dätwyler die nächste Generation bereit. Beide Söhne von Adolf Dätwyler haben sich nach dem Studium «on the job» in den Niederlassungen Altdorf und Pratteln sowie bei Firestone in den USA weitergebildet.

Als die Kräfte des Firmengründers schwinden, raten die Söhne zur Bildung einer Holding. Diese wird kurz vor dem Tod von Adolf Dätwyler im Herbst 1958 gegründet.

Peter und Max Dätwyler leiten nun die gesamte Firmengruppe und initiieren eine breiter abgestützte Führungskultur. Es herrschen Erfindergeist und weit gehende Forschungsfreiheit.

Das mittlerweile gut 50-jährige Unternehmen gedeiht und wandelt sich weiter: Die drei Bereiche Kabel, Gummi und Bodenbeläge operieren von 1967 an als selbstständige Einheiten. Diese frühe Divisionalisierung erregt Aufsehen – und ebnet den Weg für den Schritt ins Ausland.

Der Erfolg wohnt in den Nischen

Nach 1970 wird immer deutlicher, dass einfache Massenprodukte keinen langfristigen Erfolg mehr bringen. Zukunftspotenzial verspricht vielmehr das, was nicht jeder kann. Besonderes Know-how besitzt Dätwyler unter anderem in der Dichtungs- und Elastomertechnik. Hier werden Marktnischen gesucht und erfolgreich gefunden.

In Belgien gründet Dätwyler 1975 ihre Tochterfirma Helvoet Pharma, die sich auf Verschlüsse für flüssige Heilmittel spezialisiert.

Nebst der Pharma- bietet auch die Automobilindustrie interessante Nischen für hochqualitative Dätwyler Komponenten.

In der Kabeldivision erfolgt 1985 der Einstieg in die Produktion von Glasfaserkabeln. Und mit der Übernahme der Distrelec AG wird die Basis für den europaweiten Fach- und Versandhandel mit elektronischen Komponenten gelegt. Dätwyler entwickelt sich zum internationalen Multi-Nischen-Player.

Die Selbstständigkeit sichern

Die Dätwler Gruppe langfristig sichern, eine breitere Abstützung erreichen und die Liquidität erhöhen – mit diesen Zielen bringen Peter und Max Dätwyler 1986 die Hälfte des Firmenkapitals an die Schweizer Börse. Das Going Public gelingt und bringt bedeutende neue Mittel.

Gleichzeitig entwickeln die beiden Brüder eine einzigartige Nachfolgeregelung: Der Verwaltungsrat der börsenkotierten Dätwyler Holding verfügt seit 1990 treuhänderisch über die Stimmenmehrheit. Gleichzeitig wird die Dätwyler Stiftung gegründet, die heute zu den bedeutenden Förderstiftungen der Schweiz zählt.

Peter und Max Dätwyler verzichten mit der Nachfolgelösung auf wesentliche Vermögenswerte und schaffen so ein tragfähiges Eigentumskonstrukt.

Chancen der Globalisierung nutzen

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts legt die Globalisierung deutlich an Tempo zu. Grosse Kunden konzentrieren sich zunehmend auf Lieferanten mit zuverlässigen globalen Lieferkapazitäten.

Dätwyler nimmt diese Herausforderung an und navigiert in die globale Zukunft: 1998 expandiert der Kabelbereich nach China. Kurz darauf folgt der Konzernbereich Sealing Solutions und baut oder akquiriert eigene Produktionswerke in Amerika, Osteuropa sowie etwas später auch in Asien.

Die weltweite Expansion erhöht die Wettbewerbsfähigkeit. Und sie sichert auch den Bestand der Stammwerke in Uri. Zunehmend gilt Dätwyler bei neuen und bestehenden Kunden als geschätzter Entwicklungspartner und Lösungsanbieter. Dätwyler ist im neuen Jahrtausend angekommen – als Global Player.

An der Zukunft weiterarbeiten

Das Erreichen von kritischen Grössen ist entscheidend, um im globalen Wettbewerb zu bestehen. Dätwyler passt sein Portfolio weiter an: Die Dichtungstechnik (Sealing Solutions) und die Elektronik-Distribution (Technical Components) werden ausgebaut. Strategisches Wachstum generiert Dätwyler weiterhin auch über Firmenübernahmen.

2012 übergibt Dätwyler das Kabelgeschäft der Mehrheitsaktionärin Pema Holding AG. Das neue Schwesterunternehmen Dätwyler Cabling Solutions AG modernisiert das Werk in Uri und expandiert zugleich weiter ins Ausland.

Zum 100-Jahr-Jubiläum 2015 besetzt die Dätwyler Gruppe international führende Marktpositionen in der Pharma-, Automobil- und Bauindustrie sowie im Handel mit elektronischen Komponenten. Dank starken Wurzeln, verbindlichen Werten und einer nachhaltigen Eigentumsstruktur ist das Unternehmen an den Herausforderungen der Zeit gewachsen – und wird dies zum Nutzen seiner Kunden, Mitarbeitenden und Aktionären auch weiterhin tun.

 

Die Kraft der unscheinbaren Dinge - 100 Jahre Dätwyler

Karl Lüönd (Autor), Christoph Zurfluh (Autor)

Das Familienunternehmen Dätwyler im Kanton Uri ist ein Hightech-Konzern mit über 7500 Mitarbeitenden. Karl Lüönd und Christoph Zurfluh haben die faszinierende Geschichte des Unternehmens aufgearbeitet. 

Niemand glaubte 1915 an das hoch verschuldete Draht- und Gummiwerk mit seinen 40 Mitarbeitenden im Bergkanton Uri. Niemand, ausser dem Aargauer Bauernsohn Adolf Dätwyler, der mit Mut und Pioniergeist die Basis für eine unternehmerische Erfolgsgeschichte geschaffen hat.

Die beiden Söhne Peter und Max führten das Familienunternehmen ab 1958 im Sinn ihres Vaters weiter, besetzten lukrative Marktnischen und expandierten ins Ausland. Mit einer einzigartigen Nachfolgeregelung sorgten sie 1990 dafür, dass Dätwyler ein eigenständiges Unternehmen bleiben konnte. Heute ist der Konzern weltweit in mehreren zukunftsträchtigen Märkten aktiv. Diese einmalige industrielle Biografie haben Karl Lüönd und Christoph Zurfluh anhand vieler Dokumente und Gespräche aufgearbeitet. Sie erzählt die faszinierende Geschichte eines Konzerns, der seinen Hauptsitz immer noch mitten in den Schweizer Alpen hat, inzwischen aber zu einem globalen Industriezulieferer mit 7500 Mitarbeitenden gewachsen ist.

Erwerb: NZZ Libro

 

Meilensteine


1915

wird Adolf Dätwyler die Leitung der damals stark havarierten Schweizerischen Draht- und Gummiwerke übertragen, dem Vorgängerunternehmen der heutigen Dätwyler Gruppe in Altdorf/Uri.

1917
kauft ein Finanzsyndikat auf Inititative von Adolf Dätwyler die Aktien der Firma.

1920
wird Adolf Dätwyler Mehrheitsaktionär (Management-Buy-out).

1935
erfolgt der erste Schritt zum Aufbau der Gruppe. In Pratteln entsteht die Fabrik für Firestone Produkte. Nach vielen erfolgreichen Jahren wird die Mehrheitsbeteiligung an den Lizenzgeber Firestone USA verkauft (1973).

1945
wird als Pionierleistung das erste kunststoffisolierte Hochspannungskabel entwickelt, produziert und praktisch eingesetzt.

1947
erfolgt mit der Übernahme der Gummi Maag AG Zürich (heute Maagtechnic) die Aufnahme des Handels mit Gummiteilen und Produkten für die Arbeitssicherheit.

1949
beteiligt sich Dätwyler an der Stahlrohr AG Rothrist (heute Rothrist Rohr (Schweiz) AG; die Beteiligung wird später auf 100% ausgebaut. Die Firma ist heute der weltweit grösste Hersteller von hochpräzisen Gasfederrohren für die Automobil-, Maschinen- und Möbelindustrie.

1958
werden die Beteiligungsgesellschaften in einer neu geschaffenen Holding zusammengefasst; mit Peter und Max Dätwyler übernimmt gleichzeitig die zweite Generation die operative Leitung der Firmengruppe.

1968
beginnt die selektive Expansion ins Ausland mit dem Ziel, sich mit Marktnischenprodukten zu profilieren.

1976
wird die Helvoet Pharma N.V. in Alken (BE) gegründet. Der daraus entstandene Konzernbereich ist weltweit einer der zwei führenden Hersteller von Verschlüssen aus Gummi und Aluminium/Kunststoff für flüssige Heilmittel.

1979
werden die Aumann AG und deren Tochtergesellschaft Distrelec AG akquiriert, womit die Basis für den Fach- und Versandhandel mit elektronischen Komponenten gelegt wurde.

1986
öffnet sich die Dätwyler Holding AG durch Ausgabe von Inhaber-Aktien erfolgreich dem Publikum; die Familie Dätwyler hält weiterhin die Kapitalmehrheit.

1990
feiert die Dätwyler-Gruppe das 75-jährige Bestehen: Peter und Max Dätwyler sichern Kontinuität für Eigentum und Führung der Gruppe durch eine neuartige Beteiligungsstruktur. Sie übergeben die Führung dem bereits bestehenden Konzernleitungsteam. Die Dätwyler Stiftung wird gegründet.

1993
beginnt der systematische Ausbau und die Internationalisierung des Konzernbereichs Technische Komponenten zur Dätwyler Teco Handelsorganisation.

1999
Dr. Max Dätwyler tritt altershalber als letzter Vertreter der Gründerfamilie aus dem Verwaltungsrat der Dätwyler Holding AG zurück und wird Ehrenmitglied.

2000
erwirtschaftet die Dätwyler Gruppe erstmals einen Umsatz von mehr als einer Milliarde Schweizer Franken.

2007
verkauft Dätwyler den Konzernbereich Präzisionsrohre, der als Rothrist auftritt.

2008
Übernahme der schwedischen ELFA Gruppe und Ausbau der Online-/Katalog-Distribution für Industrieelektronik und Automation (Distrelec Gruppe).

2010
Übernahme der deutschen Reichelt Elektronik und weiterer Ausbau der Online-/Katalog-Distribution für Industrieelektronik und Automation.

2012
Übernahme der holländischen Nedis Gruppe zur weiteren Stärkung der Online-/Katalog-Distribution. Übernahme der chinesischen Zhongding und der koreanischen Hankook zum strategischen Ausbau des Automotive-Geschäfts im Konzernbereich Sealing Technologies. Verkauf des Konzernbereichs Cabling Solutions an die Mehrheitsaktionärin Pema Holding AG sowie Zusammenführung der beiden Konzernbereiche Pharma Packaging und Sealing Technologies zum Konzernbereich Sealing Solutions.

2014
Verkauf Fachhandelssparte Maagtechnic.

2015
Die Dätwyler Gruppe feiert das 100-Jahr-Jubiläum.

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Dätwyler 100 Jahre Jubiläums-Video

Videostatements von Paul Hälg, CEO und Max Dätwyler, Sohn des Gründers Adolf Dätwyler